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Funktionelle Anatomie des Radialisnervs

Warum uns mehr Diagramme nicht weiterhelfen...

 

3 von 12... Das war der Anteil von Fallhänden bei dem letzten Massen-Escapecontest, den ich beobachtet habe. Aus eigener Erfahrung wissen wir alle dass es jedem passieren kann. Auch wenn immer wieder neue Diagramme und Guides veröffentlicht werden.

 

Wir sind übrigens nicht die Einzigen die sich mit dem Problem rumschlagen. Bei Ellbogenbrüchen ist es manchmal notwendig mehrere Metallstäbe zur äußeren Stabilisierung in den Oberarm zur bohren (bei Privatpatienten natürlich in Narkose). Dabei kam es auch mal vor, dass ein Radialisnerv angebohrt wurde. In mehreren Veröffentlichungen ist beschrieben wo der Nerv die Außenseite des Oberarmknochens passiert. Z.b. wurde in einer Arbeit an 95 Oberarmen der Nervenverlauf untersucht. Vom Drehpunkt des Ellbogens war der kritische Bereich 6 – 13,5 cm entfernt (natürlich wurde u.a. das Konfidenzintervall bzw. die Schwankungsbreite mit angegeben usw...).

 

Aber selbst diese Angaben würden uns beim Fesseln nicht viel weiterbringen. Denn die Messungen und die Operation werden in der Neutral Null Stellung des Oberarmes angegeben. Auch in anatomischen Abbildungen ist der Arm definitionsgemäß in dieser Position darzustellen (Arm ausgestreckt an der Körperseite und nicht gedreht).

 

Wir aber fesseln nicht in dieser Position. Wir brauchen z.B. für einen Osada Ryu 3 Seil TK eine mindestens 90 ° Innendrehung des Oberarms. Wenn die Hände in der Position dann nach unten wandern dreht sich der Oberarm automatisch wieder leicht nach außen. Wenn man sie weiter nach oben führt dreht man den Oberarm sogar über 90° nach innen.

 Da der Radialisnerv in einer Spirale um den Oberarm liegt verändert sich bei Drehung des Oberarms die Höhe der Nervenpassage auf der Außenseite.

Das ist der Grund warum manche bei gleicher Höhe der Lagen am Oberarm durch Veränderung der Handfesselung (z.B. Hände tiefer fesseln) eine Verbesserung oder Verschlechterung spüren können.

 

Die ganze Biomechanik ist wohl komplizierter als man überblicken kann. Ich find es interessant mich damit zu beschäftigen aber in der Praxis hat es wohl nur eingeschränkten Nutzen. Als Fazit kann man aber vielleicht daraus doch lernen dass man sich bei immer wiederkehrenden Problemen etwas mehr Gedanken machen muss.

 

Trotzdem viel Spaß beim Fesseln ;-))

 

 

Mobilität des Nervensystems im Shibari

Jeder kennt es.... die Finger werden taub oder die Hand kribbelt in der Suspension aber die Seile liegen nicht über den typischen Nervenverläufen. Vielleicht sind die Ausfallserscheinungen auch nicht den typischen Nervenverletzungen zuzuordnen (z.B. Ulnaris mit Taubheitsgefühl im kleinen Finger und Ringfinger).

Das kann vielleicht an einer Nervenschädigung liegen die nicht durch Druck, sondern durch Zug entsteht.

Die Nerven in Armen und Beine stammen alle aus dem Rückenmark oder ziehen dorthin (bis auf eine Ausnahme). Bei jeder Bewegung eines Gelenkes müssen alles Strukturen die es überspannen eine Dehnung oder Stauchung hinnehmen. Z.B. wird alles was auf der Vorderseite des Ellbogens liegt gedehnt, wenn der Ellbogen gestreckt wird (z.B. der N. Radialis) und alles was auf der Rückseite des Drehpunktes läuft gestaucht (z.B. N. Ulnaris).

Das ist bei einem Gelenk noch kein Problem für den Nerven. Aber was passiert, wenn ALLE Gelenke die der Nerv passiert in die Position gebracht werden die den Nerven dehnt?

 

Einen Selbstversuch kann jeder machen. Mit gestreckten Beinen auf den Boden setzen und mit den Fingerspitzen so weit wie möglich Richtung Zehenspitzen. Dabei den Kopf maximal in den Nacken nehmen (also zu den Füßen schauen). Wenn die Hände so weit wie möglich vorne sind nicht mehr bewegen und den Kopf auf die Brust nehmen. Allein durch die Bewegung im Nacken wird man ein Ziehen im unteren Rücken oder in den Beinen spüren. Man spürt den Zug des Nervensystems (und der Hirnhäute). Beine anwinkeln entlastet dann z.B..

 

Ein Nerv hat nicht genug Länge um die Bewegung aller Gelenke auszugleichen (einen entsprechenden Test gibt es für die meisten Nerven). Allerdings ist er auch nicht sehr dehnbar. Eine Nervendehnung führt letztendlich zu einer Irritation oder Schädigung vom Nerven. Plötzliche Dehnungen können auch zu Ausrissen aus dem Rückenmark führen. Dafür ist natürlich viel Kraft nötig.

 

Was hilft uns dieses Wissen?

Wir könne dadurch besser verstehen warum bestimmte Positionen zu Problemen wie Taubheitsgefühl oder mehr führen. Das Bunny kann selbst prophylaktisch nichts oder wenig tun. Es gibt keine Dehnübungen für Nerven (glaubt Youtube da nicht). Ein Nerv kann evtl. mobilisiert werden.

Ein paar kleine Übungen findet man auf Youtube. Für die übernehme ich natürlich keine Verantwortung (Suchworte „Nervendehnung“, „Nervenmobilisation“).

 

Für die Rigger gilt weiterhin der Rat eine Fesselung zu beenden oder deutlich zu ändern, wenn irgendwo leichte Nervenirritationen auftreten. Ein Nerv erholt sich lange nicht nach einer Schädigung und das sollte keiner riskieren.

 

 

Aktuelle Therapie von Nervenverletzungen (aus 2015)

Verletzungen sind im Shibari immer wieder ein Thema. Und da man die Nerven mit dem geringsten Aufwand kaputt bekommt schreibe ich etwas über den aktuellen Stand der Therapie von peripheren Nervenverletzungen (peripher = alles was nicht in der Wirbelsäule oder im Schädel ist, also Arm oder Bein).

 

In der Medizin hat man manchmal das Glück, dass Fachgesellschaften eine Leitlinie zu bestimmten Themen entwerfen. Zur Versorgung von peripheren Nervenschäden haben sich Neurologen und Chirurgen an einen Tisch gesetzt und Mitte 2013 eine S3 Leitlinie entworfen. S3 ist der höchst mögliche Empfehlungsgrad.

 

Nerven werden beim Fesseln nicht durch scharfe Gewalt, sondern durch Druck oder Zug verletzt. Trotzdem kann es theoretisch zu denselben Schäden kommen wie bei einer Verletzung durch ein Messer.

 

Immer wieder liest man wie man die Nervenschäden unterscheidet:

  Neuropraxie : wenn von Nervenfasern die Myelinschicht beschädigt ist (Myelinschicht = Isolation der Nervenstränge). Es treten Gefühlsstörungen bis zu Lähmungen auf. Eine komplette Erholung innerhalb von Tagen bis Wochen ist zu erwarten.

  Axonotmesis : das Axon ist geschädigt die Myelinschicht aber in ihrer Kontinuität erhalten (Axon = Nervenstränge). Die Beschwerden treten sofort auf: Gefühlsstörungen, Lähmungen und Schmerzen. Die Heilungschance ist vom Zustand der umgebenden Isolation abhängig üblicherweise ist die Prognose gut Die Erholung kann bis zu einem Jahr dauern.

  Neurotmesis : der ganze Nerv im ganzen Querschnitt unterbrochen. Ohne chirurgische Therapie tritt keine Erholung ein. Die Prognose ist schlecht.

 

Uns hilft das leider wenig da auf der Basis von Beschwerden allein es unmöglich ist zwischen den Schädigung zu unterscheiden. Insbesondere im Frühstadium der Verletzung. Da hilft nur der Weg zum Neurologen zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit.

 

Jetzt wird in der Medizin unterschieden in operative und konservative Therapie (konservativ = alles was nicht operiert wird).

Auch stumpfe Nervenverletzungen (wie z.B. durch Seildruck) müssen ggf. operiert werden. Nach der Leitlinie soll anhand der elektrischen Nervenmessung entschieden werden. Von Rekonstruktion bis zur Nerventransplantation gibt es alle Möglichkeiten. Dies wird aber im seltensten Fall notwendig sein. Meist reicht ja eine konservative Therapie (also ohne Operation)

 

Im konservativen Therapiezweig werden vor allem Physiotherapie und Ergotherapie empfohlen ggf. mit Elektrotherapie. Und natürlich eine Entlastung des Nervens.

Eine medikamentöse Therapie zur Unterstützung der Heilung wird explizit nicht empfohlen. Hier wurde eine Wirkung in Studien nie nachgewiesen.

In bestimmten Situationen kann aber Kortison helfen, wenn es in die Umgebung des Nerven gespritzt wird.

Versucht wurden sonst noch Entzündungshemmer (wie Ibuprofen), B Vitamine, Liponsäure usw.

Das oft angepriesene und verschrieben Vitamin B12 wirkt bei bestimmten Nervenerkrankungen und Mangelerscheinungen aber laut aktuellen Empfehlungen nicht bei Nervenverletzungen. Auch als Prophylaxe ist es wirkungslos.

Das Argument das Vitamin B12 nicht schadet rechtfertigt keine Einnahme. Da die meisten hier diskutierten Medikamente wenig Nebenwirkungen haben müsste man konsequenter Weise dann alle nehmen ;-).

 

Also bei einer stumpfen Nervenverletzung die am nächsten Tag nicht deutlich besser ist bleibt nur der Weg zum Neurologen damit das Ausmaß der Verletzung bestimmt und der spontane Heilungsverlauf dokumentiert werden kann. Von einer Medikamenteneinnahme würde ich abraten. Dafür gibt es ja die Leitlinien.

Da es meistens die Arme betrifft sollten diese erstmal ruhig gehalten werden. Am Oberarm zu massieren ist da ebenfalls der falsche Weg.

Auf jeden Fall sollte man eine längere Fesselpause einplanen da ein „beleidigter“ Nerv immer wieder Probleme machen wird wenn er nicht ausheilt.

 

PS: Diese Empfehlungen gelten nur für gesunde Bunnys die sich ausgewogen ernähren. Bei veganer Ernährung oder bei bestimmten Erkrankungen kann es zu einem Vitamin B12 Mangel mit einer dadurch bedingten Nervenschädigung kommen. Dann sollte man sich von Seil eh fernhalten bis die Störung behoben ist ;-)

 

 

Aufwärmen und „Dehnen“ im und für Shibari

 

Shibari kann, je nach Ausführung, eine außergewöhnliche Beanspruchung für den Körper des Models sein. Unter anderem werden Positionen in maximaler Dehnstellung, ähnlich wie beim Yoga, für einige Zeit gehalten. Darum ist die Frage sinnvoll, ob man sich darauf mit Übungen vorbereiten kann oder sollte.


Anatomisch gesehen, sind alle Gelenke des Körpers in ihrem Bewegungsausmaß begrenzt. Dabei sind, je nach Gelenk, die Muskeln, die Sehnen, die Gelenkkapsel und teilweise auch Knochen der begrenzende Faktor. Auch haben nervale Strukturen und Faszien ihren Anteil. Wie diese verschiedenen Anteile auf Dehnung und Aufwärmen reagieren ist unterschiedlich. Auch die Art der Dehnung und der Übungen spielt eine Rolle. Dazu später mehr.


Bezüglich des Aufwärmens ist nachgewiesen, dass ein „kalter“ Muskel eher verletzungsanfällig ist. Dies gilt vor allem bei Sportarten, bei denen plötzliche Belastungen auftreten. Dies ist bei Shibari eher nicht der Fall. Schon gar nicht am Anfang der Fesselung. Wahrscheinlich ist es sinnvoll entweder langsam zu beginnen oder sich mit einigen Bewegungen aufzuwärmen. Im Osada Ryu beginnt man häufig mit Aisatsu Nawa. Dies enthält langsame Techniken zum „Kennenlernen“. Keiner kommt hier auf die Idee direkt die Arme des Models hinter den Körper zu zerren.


Die medizinischen Studien zum Dehnen im Sport sind sehr unterschiedlich. Teilweise gibt es Hinweise, dass Dehnen sogar die Verletzungsanfälligkeit erhöhen könnte (z.B. beim Fußball). Da es in der Sportmedizinischen Forschung noch keinen Konsens darüber gibt, was beim Dehnen überhaupt passiert und wieviel und wie lange man für welches Ergebnis Dehnen soll ist man weiter auf eigene Erfahrungen angewiesen. Besonders da es wenige Sportarten gibt die man mir Shibari vergleichen könnte.


Grundsätzlich können statischen und dynamische Dehnmethoden unterschieden werden.


Dynamisches Dehnen ist das wiederholte, wippende Nachfedern. Früher wurde diskutierte, ob es dadurch zu Verletzungen kommt. In Studien wurde dies allerdings nicht bestätigt. Es gibt Hinweise, dass diese Art zu Dehnen besonders für schnellkraftorientierte Sportarten sinnvoll ist. 


Statisches Dehnen kann sehr unterschiedlich ausgeführt werden. Es gibt Fremd- und Eigendehnung, passives und aktives Dehnen. Insgesamt gilt, nur ein aufgewärmter Muskel soll gedehnt werden. Je nach Studie soll die Position langsam erreicht werden und dann 6 sec bis 120 sec gehalten werden. Meist soll ein „angenehmer Schmerz“ erreicht werden. Für Sportarten mit hohen Anforderungen an den Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus (z.B. Bodenturnen) können die Techniken Verletzungen vorbeugen. Es ist dadurch auch eine bessere Beweglichkeit, eine Verbesserung der Durchblutung und eine Schmerzhemmung nachgewiesen.


Dies sind allerdings Angaben über Muskeldehnung. Die Behandlung von strukturell verkürzten Sehnen und kontrahiertem Kapsel-Bandapparat ist mit diesen Techniken meist nicht möglich. Dafür sollte ein Physiotherapeut zu Rate gezogen werden.  

 

Zusammenfassend empfehle ich, das Fesseln mit Techniken aus dem Aisatsu Nawa zu beginnen. Dann ist zusätzliches Aufwärmen nicht notwendig. Wenn dies nicht möglich ist, z.B. vor einer Show, ist ein lockeres Aufwärmen für min. 10 min zu empfehlen. Je nach geplanter Fesselung sind passives Dehnen durch einen Partner möglicherweise effektiver.

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